Meine Meinung zu “Zuflucht” von Merilyn Simonds

Zuflucht von Merilyn Simonds

 

Cassandra ist mit ihren 96 Jahren ein sehr eigenwilliger Charakter. Mit einem als Rollstuhl umfunktionierten Stuhl, lebt sie total zurückgezogen auf einer kleinen Insel in Ontario. Einst hat es sie in die weite Welt hinausgezogen. In New York, Mexiko und Montreal hat sie als Krankenschwester Geld verdient. Ihr Sohn ist im Krieg gefallen. Da erhält sie von einer jungen Frau aus Burma Mails. Sie behauptet dass ihr verstorbener Großvater der Sohn von Cassandra ist. Sie braucht Cassandras Hilfe.

Spannend, aber oftmals sehr verwirrend.

Die Vergangenheit ist ein gefährlicher Ort, den man mit Vorsicht aufsuchen sollte. Seite 72

Bei diesem Buch hatte ich wirklich Probleme, die richtigen Worte zu finden. Einerseits entspricht die Thematik absolut meinem Lesegeschmack. Anderseits konnte mich die Umsetzung nicht komplett überzeugen. Zu viele Geschehnisse wurden hier in knapp 400 Seiten gepackt. Für mich waren einige Protagonisten nicht richtig greifbar.

Mit Cassandra wurde ich nicht richtig warm. Ich fand ihren grenzenlosen Egoismus ziemlich unsympathisch. Zu ihren Schwestern hatte sie kein inniges Verhältnis. Lizzie und Belle starben in den Zwanzigern. Lily und Grace starben in den Siebzigern. Ruth, Winnie und Ida erlagen alle drei in den Achtzigern einem Schlaganfall. May verstarb Jahre später an Herzversagen. Mit ihr hatte Cassandra den meisten Kontakt. Als Nesthäkchen und Liebling ihres Vaters genoss Cassandra viele Vorzüge in der Familie. Ihre Mutter starb kurz nach der Geburt. Ihrem Vater durfte sie als Kind immer assistieren, wenn er mit Fröschen, Käfern und Insekten Experimente machte.

Zu May hatte Cassandra ein sehr zwiegespaltenes Verhältnis. May ermöglichte ihr die Ausbildung zur Krankenschwester. Das meiste Geld ging stets für die kleine Schwester drauf. Mit der Geheimniskrämerei von Cassandra kam sie nicht zurecht. Ihre Lügen waren für May leicht durchschaubar. Doch auch May hatte ihre Geheimnisse.

Nenne nie den Brunnen, aus dem du nicht trinken willst. Der Tropfen Wasser, den du ablehnst, könnte der sein, der dir das Leben rettet. Seite 156

Gut gefallen haben mir die Reisen, die Cassandra gemacht hat. Mit dem Zug reiste sie nach Mexiko. Die Landschaftsbeschreibungen haben mich sofort an Frida Kahlo erinnert. Tatsächlich führt ihr beruflicher Weg sie zu der wunderbaren Frida. Auch in New York kreuzen sich ihre Wege. Das hat mir alles sehr gut gefallen. Dennoch waren mir die Übergänge in der Erzählung zu sprunghaft. Erst bei Frida, im nächsten Moment schon wieder bei ihrer Schwester May. Solche Sprünge ziehen sich in einem sehr raschen Tempo durch die ganze Geschichte.

In der Gegenwart muss die 23 jährige Nang Aung Myaing um das Vertrauen der alten Dame kämpfen. Etwas besser lernt man die junge Asiatin erst am Ende kennen. Überwiegend schwelgt die 96 jährige in Erinnerungen, an denen sie den Leser teilnehmen lässt. Mir hat die Atmosphäre in Cassandras Steinhaus sehr gut gefallen. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass dies ein Ort zum Entschleunigen wäre.

Der Schreibstil liest sich wie Butter. Trotz meiner Kritikpunkte hatte ich das Buch schnell durchgelesen. War stets neugierig was als Nächstes kommt. Die ledige Mutter Cassandra  ist eine sehr ehrgeizige Frau, die leidenschaftlich gerne fotografiert. Sie geht ihren Weg ohne Wenn und aber. Es gibt viele Zitate, die mir sehr gut gefallen haben.  Daher kann ich für die Geschichte gute 3 Sterne vergeben. Ich mag einzelne in sich abgeschlossene Romane. Hier wäre eindeutig eine Dilogie angebracht gewesen. Ich hätte gerne alle Protagonisten besser kennengelernt. Alleine die Landschaftsbeschreibungen und der wunderbare Schreibstil sind es wert, das Buch zu lesen. Die Geschichte hält noch einige Überraschungen bereit. Und die in einem flotten Tempo! Das Ende? Ganz ehrlich, ich konnte die Handlungsweise von Cassandra nicht nachvollziehen.

Danke Merilyn Simonds

Zuflucht von Merilyn Simonds
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Originaltitel: REFUGE
Originalverlag: ECW PR
Taschenbuch, Broschur, 400 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-71940-2
Erschienen am  14. September 2020
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Klappentext

Cassandra lebt zurückgezogen auf einer kleinen Insel in Ontario, die ihr schon zu Kinderzeiten als Refugium diente. Doch die Jugendtage der 96-Jährigen liegen weit zurück, ihre Neugier und ihr Wissensdrang hatten sie einst als Krankenschwester hinausgeführt in die Welt: nach New York, Mexiko und Montreal. Sie hat die großen Umbrüche und Katastrophen ihrer Zeit erlebt – und ihren Sohn verloren, der als Pilot der Royal Canadian Airforce in Südostasien im Krieg umgekommen ist. Doch nun erhält sie E-Mails von einer jungen Frau aus Burma, die behauptet, Charlies Enkeltochter zu sein – ihre Urenkelin –, und nach Kanada einwandern will. Als Nang dann tatsächlich vor ihr steht, muss Cassandra sich ihrer Vergangenheit und der Zukunft stellen. Verlagsinfo: btb. Unbezahlte Werbung. Coverrechte: Verlag

2 thoughts on “Meine Meinung zu “Zuflucht” von Merilyn Simonds

  1. OK… dann war das Ende also nicht so der Bringer.
    Ehrlich ….solche Bücher mag ich gar nicht gerne .
    Oder erwarte ich zu viel ?
    Gestern habe ich noch Bücher aussortiert …..und einige Exemplare gefunden
    die ich unbedingt noch lesen möchte . Die standen in der 2. Reihe
    LG heidi

    • Ich bin auch gerade am aussortieren. Nein, du erwartest nicht zu viel. Ich mag auch lieber ein harmonisches Ende. Insgesamt war aber das Buch nicht schlecht. Meine Kritikpunkte hast du ja bestimmt gelesen.

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