Meine Meinung zu „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von Alena Schröder

Emotionale Geschichte, sachlich erzählt, sticht aus der Masse, einfach nur genial.

Hannah ist eine junge Frau, die ihre innere Mitte erst noch finden muss. Seit ihre Mutter an Krebs gestorben ist, lebt sie in den Tag hinein. Einmal in der Woche besucht sie ihre Großmutter Evelyn. Der kann sie kaum etwas Recht machen. Die alte Dame betont , dass sie eigentlich sterben möchte. Dennoch ordert sie stets bei ihrer Enkelin Vitaminpräperate.

Evelyn erhält einen Brief aus Israel. Sie soll Erbin eines wertvollen Gemäldes sein. Eines Gemäldes, welches einer jüdischen Familie genommen wurde. Hannah versteht die Welt nicht mehr. Sie wusste bis Dato nichts von einer jüdischen Verwandschaft. Evelyn will ihrer Enkelin nichts aus ihrer Vergangenheit erzählen. Auf ihre Mutter Senta ist sie nicht gut zu sprechen.

Der Buchtitel hat meine Kaufentscheidung sehr beeinflusst. „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ sticht aus der Masse heraus. Schon bald wusste ich, warum genau dieser Titel. Der Autorin ist der Spagat zwischen Emotionalität und Sachlichkeit ausgesprochen gut gelungen. Nie drückt sie bei ihren Erzählungen auf die Tränendrüsen. Mein Kopfkino hat mir das ganze traurige Ausmaß vor Augen geführt. Ich konnte manches Handeln der Protagonistinnen nicht nachvollziehen. Dennoch hatte ich nie eine negative Meinung über die Frauen in dieser Familie.

Evelyns Schweigen verstand ich immer besser. Von der eigenen Mutter allein gelassen, wuchs sie bei ihrer Tante auf. Trotzdem mochte ich Evelyns Mutter sehr. Sie konnte einfach nicht aus ihrer Haut raus und besaß ein gutes Herz. Evelyn ist in dieser Geschichte nicht die einzige Frau, die viele Dinge verschweigt.

Die Geschichte spielt abwechselnd in der Gegenwart und Vergangenheit. Wie der Klappentext schon verrät, geht es um Judenverfolgung. Ein Thema, das im Moment Hochkonjunktur hat. Viele Bücher gibt es zu dieser Thematik. Dieses ist so ganz anders vom Erzählstil her.

Über vier Generationen erleben wir eine Familie, die zu viel verschwiegen hat. Eine junge Frau, die ihre Trauer auslebt und ihrer Großmutter hilft, das nun endlich auch zu tun. Ein Gemälde ist der Anstoß dazu. Traurige Geschichten um den Holocaust gibt es wie Sand am Meer. Diese ist so ganz anders. Einfach nur genial. Das Ende? Irgendwie auch ganz anders! Hätte ich so nicht erwartet.

Danke Alena Schröder. Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen.

Details EUR 22,00 € [DE], EUR 22,70 € [A] dtv Allgemeine Belletristik Originalausgabe, 368 Seiten, ISBN 978-3-423-28273-4 20. Januar 2021

 

 

 

 

Alena Schröder

© Gerald von Foris

Alena Schröder, geboren 1979, arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie hat Geschichte, Politikwissenschaft und Lateinamerikanistik in Berlin und San Diego studiert und die Henri-Nannen-Schule besucht. Nach einigen Jahren als Redakteurin in der ›Brigitte‹-Redaktion arbeitet sie heute frei u.a. für die ›Brigitte‹, dasSZ-Magazin‹ und ›DIE ZEIT‹. Sie ist Autorin mehrerer Sachbücher sowie fiktionaler Bücher.

Klappentext

Vom Erbe unserer Mütter und dem Wagnis eines freien Lebens

In Berlin tobt das Leben, nur die 27-jährige Hannah spürt, dass ihres noch nicht angefangen hat. Ihre Großmutter Evelyn hingegen kann nach beinahe hundert Jahren das Ende kaum erwarten. Ein Brief aus Israel verändert alles. Darin wird Evelyn als Erbin eines geraubten und verschollenen Kunstvermögens ausgewiesen. Die alte Frau aber hüllt sich in Schweigen. Warum weiß Hannah nichts von der jüdischen Familie? Und weshalb weigert sich ihre einzige lebende Verwandte, über die Vergangenheit und besonders über ihre Mutter Senta zu sprechen?

Die Spur der Bilder führt zurück in die 20er Jahre, zu einem eigensinnigen Mädchen. Gefangen in einer Ehe mit einem hochdekorierten Fliegerhelden, lässt Senta alles zurück, um frei zu sein. Doch es brechen dunkle Zeiten an. Verlagsinfo: dtv-Verlag. Unbezahlte Werbung. Coverrechte: Verlag!

3 thoughts on “Meine Meinung zu „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von Alena Schröder

  1. Liebe Gisela,
    als das Buch neu erschien, habe ich mich dafür sofort interessiert. Obwohl ich solche Bücher über die damalige Zeit weniger lese, hat mich der ungewöhnliche Titel und auch der Klappentext mich sofort in seinen Bann gezogen.
    Deine Rezension ist wirklich toll geschrieben. Damit hast Du auf jeden Fall meine Neugier geweckt.
    Dankeschön dafür. Das Buch wandert direkt auf die Wuli.
    Liebe Grüße und einen sonnigen Abend
    Andrea ♥

  2. Unerwartete Bücher haben was. Geschichten die sich am Ende völlig anders darstellen und nicht so vorhersehbar sind, finde ich klasse . Das ist genau meins :))
    Interessantes Buch …Danke für die Rezi
    LG Heidi

    • Es handelt sich um eine Geschichte, wie es sie wirklich oft gibt. 2. Weltkrieg, Judenverfolgung und. und. und. Aber hier sind Titel und Schreibstil außergewöhnlich.

      Sehr gerne Heidi.

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