Meine Meinung zu “Die Unschärfe der Welt” von Iris Wolff

4. Druckaufl. 2020, 216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-608-98326-5 Unbezahlte Werbung! Coverrechte: Verlag!

»Es gab Sehnsucht nach etwas, das verloren war, Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren.«

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020, den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik 2020 sowie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2020.

»Eine Autorin mit einem traumsicheren Sprachgefühl« Denis Scheck

»So schön hat noch niemand Geschichte zum Schweben gebracht.« Stefan Kister, Stuttgarter Zeitung

Iris Wolff erzählt die bewegte Geschichte einer Familie aus dem Banat, deren Bande so eng geknüpft sind, dass sie selbst über Grenzen hinweg nicht zerreißen. Ein Roman über Menschen aus vier Generationen, der auf berückend poetische Weise Verlust und Neuanfang miteinander in Beziehung setzt.

Hätten Florentine und Hans den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In »Die Unschärfe der Welt« verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. Kunstvoll und höchst präzise lotet Iris Wolff die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Erinnerung aus – und von jenen Bildern, die sich andere von uns machen.

»So schön hat noch niemand Geschichte zum Schweben gebracht.« Stefan Kister, Stuttgarter Zeitung Verlagsinfo: Klett-Cotta

Eine Geschichte zum Entschleunigen

Diese wunderschöne Geschichte besticht durch ihren poetischen Schreibstil. Trotz der ernsten Thematik vermittelt sie wunderbare Momente der Stille und des inneren Friedens. Sie spielt Anfang der 60er. Sie erzählt vom Mauerfall und der Hinrichtung Ceausescus 1989.  Florentine und der Pfarrer Hans leben im Banat. Hans ist ein sehr toleranter Mensch, was für einen Pfarrer damals gar nicht so selbstverständlich gewesen sein dürfte. Florentine ist eine Frau, die nicht viele Worte braucht, um ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Sie liebt die Stille. Spricht auch mit ihrem Sohn Samuel nicht viel. Samuel lernt erst sehr spät sprechen. Auch er liebt die Stille, aus welcher er jede Menge Kraft schöpft. Florentine und Samuel sind Menschen, die jeder gerne um sich hat.

Die Mutter von Hans ist sehr speziell. Träumt von einem König, der ihr die Hand reicht. Schwelgt gedanklich in einer Zeit, in der die Fabrikantentochter ein besseres Leben geführt hat. Karline hätte eigentlich ein Junge werden sollen. So wurde aus der Zweitältesten Karline, statt Karl.

Hans beherbergt in seinem Pfarrhaus Besucher aus dem Westen. Wird bespitzelt und verraten. Das ist jedoch unter der Herrschaft Ceausescus keine Seltenheit. Dennoch hat das Leben im Banat viele schöne Seiten. Die Dorfgemeinschaft hält zusammen. Die Gärten werden gepflegt und gehegt. Jeder kennt jeden und seine Eigenheiten. Die Menschen trauern zusammen, als sich Samuels bester Freund Echo das Leben nimmt. Obwohl ihm die Flucht in den Westen gelungen ist, sieht er keinen Sinn mehr im Leben.

Meine besonders große Sympathie gilt Ben. Er und sein Freund Lothar sind eine Zeit lang Gäste im Pfarrhaus. Die Beiden verbindet mehr als nur Freundschaft. Während Ben sehr kommunikativ ist, kommt Lothar eher introvertiert daher. Ben hat einen guten Draht zu dem kleinen Samuel. Auch mit Florentine versteht er sich blendend. Viele Jahre später sollten sich Ben und Samuel dann wieder im Westen begegnen. Ben führt später die Buchhandlung seiner Tante. Berät seine Kunden mit großer Leidenschaft. Hat eine besondere Einstellung zu Büchern.

Bücher muss man besitzen. Geliehene Bücher zu lesen war wie Sex mit angelassenen Klamotten. Es ging ohne Zweifel, brachte auch zuweilen Spaß, aber es war kein Vergleich zur Möglichkeit, jede noch so entlegene Stelle der Haut zu küssen und berühren zu können. Seite 154.

Die Liebe zu Büchern kommt in dieser Geschichte groß zu tragen. Ben kann bei jedem Buch Erinnerungen abrufen. Für ihn haben Bücher ein Gedächtnis. Ein geliehenes Buch sollte man nicht zurückgeben.

Die Geschichte aus dem Banat und der DDR wird hier nicht so erzählt, wie man es aus anderen Büchern kennt. Vielmehr zeigt sie die schönen Seiten des Lebens. Die bestehen aus Stille. Da bekommen ein Blatt im Wind, Schnee der Geräusche verschluckt und Freundschaften eine große Bedeutung. Liebe, die über Jahre der Trennung Bestand hat. Neuanfänge, die Mut erfordern. Ein Verstehen, welches auch ohne Worte möglich ist. Die Ehe von Hans und Florentine, die gleichzeitig auch Freiheit bedeutet. Beiden den Raum bietet, sich selbst wahrzunehmen.

Für Anfänge muss man sich entscheiden, Enden kamen von allein, wenn man sich nicht entschieden hatte. Seite 209

Diese Geschichte aus dem Banat enthält trotz Diktatur wunderbare Momente für die Menschen. Stille und oftmals die Möglichkeit (mit viel Glück) ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Die Sprache ist verspielt, ohne den nötigen Ernst vermissen zu lassen. Viele wunderbare Zitate laden zum mehrmaligen Lesen ein. Die “Unschärfe der Welt” ist absolut scharfsinnig. Mit einer großen Liebe zum Detail und poetischem Schreibstil, hat die Autorin ein Werk geschaffen, welches absolut nichts vermissen lässt. Die Protagonisten sind liebevoll gezeichnet.

Danke Iris Wolff. Ich habe jedes einzelne Wort genossen.

 

Iris Wolff, geboren 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen. Für ihre Romane wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ernst-Habermann-Preis, dem Literaturpreis ALPHA und dem Otto-Stoessl-Preis. 2019 erhielt sie außerdem den Thaddäus-Troll-Preis, war für den Alfred-Döblin-Preis …

8 thoughts on “Meine Meinung zu “Die Unschärfe der Welt” von Iris Wolff

  1. Liebe Gisela,
    nun habe ich das Buch auch endlich gelesen und leider, leider war das mein erster Flop im neuen Jahr. Sehr schade, denn das Buch hat in der Tat eine schöne Sprache. Aber insgesamt war mir die Geschichte zu episodisch, zu voll mit Themen und zu wenig verbindende Handlung. Ich hätte so gerne mehr erfahren über das, was ausgelassen worden ist. Zudem ärgert es mich, dass die Autorin ihre Geschichte in Rumänien und dem Ceaușescu-Regime hat spielen lassen, doch von der schimmen Zeit und dem Druck und den Dramen, die dieses Regime ausgelöst hatte, ist nur am Rande was zu fühlen. Das war für mich insgesamt leider alles zu wenig. Ich werde aber gerne deine Rezi als Gegenstück verlinken. 🙂
    GlG, monerl
    PS.: Ich habe das Hörbuch gehört, deshalb bin ich nicht sicher, aber heißt dein Ben nicht eigentlich Bene, Abkürzung von Benedikt?

    • Hallo Monerl

      Kann sein dass er Bene genannt wurde. Sein vollständiger Name war glaube ich Benedikt. Ich müsste nachschauen. Stimmt schon dass die Autorin auf viele Geschehnisse nicht so intensiv eingegangen ist. Aber ich denke das war so gewollt. Mir hat eben genau das gefallen. Ich denke es gibt andere Bücher, die mehr von der schlimmsten Zeit in Rumänien erzählen. Das wäre dann eher was für dich. Schade dass du der Geschichte nur wenig abgewinnen konntest. Aber mit deiner Meinung steht du nicht alleine da. Bei mir war es, so weit ich es noch in Erinnerung habe, ein Highlight.

      Danke fürs Verlinken. Wenn ich wieder am PC bin verlinke ich deine Rezi auch gerne bei mir.

      Liebe Grüße,
      Gisela

  2. Liebe Gisela,
    bei jedem Wort welches Du benutzt hast merkt man, wie sehr Dich dieses besondere Buch in seinen Bann gezogen hat.
    Auch wenn es nicht ganz mein Genre ist, hat es mich nichtsdestotrotz sehr angesprochen.
    Danke für die wunderbare Rezi und fürs Neugierig machen.
    Liebe Grüße
    Andrea ♥

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